Magnifica humanitas und die Kulturkritik des 20. Jahrhunderts
Guardini, Balthasar und die theologische Antwort auf das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz
■ Daniel M. Bühlmann (Text)
26. Mai 2026 (angepasst 06.06.2026)
Abstract
Die Enzyklika Magnifica humanitas (Leo XIV., 25. Mai 2026) antwortet auf die Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz mit einer christlichen Humanität, die in der Kulturkritik des 20. Jahrhunderts begründet liegt. Der vorliegende Aufsatz rekonstruiert die genealogische Linie Romano Guardinis (Das Ende der Neuzeit) über Hans Urs von Balthasars ästhetische Theologie (Herrlichkeit, Theodramatik) bis zur gegenwärtigen Enzyklika. Dabei wird gezeigt, dass die gegenwärtige Krise der Menschenwürde im technologischen Zeitalter nicht primär ein technisches, sondern ein theologisches und ästhetisches Problem darstellt. Die Analyse berücksichtigt die Rezeptionsgeschichte beider Denker sowie die systematische Positionalität ihrer Ansätze in der deutschen katholischen Tradition.
Schlüsselwörter: Guardini · Balthasar · Magnifica humanitas · Kulturkritik · theologische Ästhetik · künstliche Intelligenz · christliche Anthropologie
1. Einleitung: Kulturkrise und theologische Verortung
Die Veröffentlichung der Enzyklika Magnifica humanitas am 25. Mai 2026 fällt in einen Moment signifikanter theologischer und kultureller Kontingenz. Die Entwicklung künstlicher Intelligenz stellt nicht nur praktische Fragen der Ethik und Regulierung, sondern wirft fundamentale Fragen zur Natur des Menschlichen selbst auf.¹ Die päpstliche Antwort ist indes bemerkenswert: Sie bekämpft das Problem nicht primär auf technischer Ebene, sondern situiert es in einer längeren genealogischen Linie der Kulturkritik. Dieser Aufsatz verfolgt die These, dass die gegenwärtige Krise der Menschenwürde – wie sie sich in der technologischen Transformation und insbesondere in der KI-Problematik manifestiert – ihre intellektuellen und theologischen Wurzeln in der Moderne des 20. Jahrhunderts hat. Die beiden zentralen Figuren dieser Genealogie sind Romano Guardini (1885–1968) und Hans Urs von Balthasar (1905–1988). Beide haben, auf unterschiedliche Weise, die Kulturkrise der Moderne als ein Problem des Glaubens und der Ästhetik diagnostiziert. Leo XIV. nimmt diese Diagnose auf, radikalisiert sie durch die Anwendung auf das KI-Zeitalter, und antwortet mit einer Affirmation der christlichen Humanität. Die Struktur dieses Aufsatzes folgt dieser genealogischen Bewegung: Zunächst wird Guardinis Kulturdiagnose analysiert (Abschnitt 2), dann Balthasars Radikalisierung dieser Diagnose auf ästhetisch-theologischer Ebene (Abschnitt 3), schließlich werden beide Positionen im Horizont der Magnifica humanitas rekonstruiert (Abschnitt 4). Ein abschließender Abschnitt (5) zieht Konsequenzen für die gegenwärtige theologische Reflexion.
2. Guardini und die Diagnose der modernen Zersplitterung
2.1 Das Ende der Neuzeit als Zäsur
Romano Guardini hat sich in Das Ende der Neuzeit (1950) nicht als Kulturpessimist positioniert, obwohl die Schrift häufig so rezipiert wurde.² Vielmehr beschreibt Guardini einen objektiven historischen Prozess, in dem eine bestimmte Ordnung sich auflöst. Die Neuzeit selbst – diese besondere Epochen-Konstellation, die mit der Renaissance begann – geht zu Ende. Was folgt, ist nicht die Rückkehr zum Mittelalter, sondern etwas radikal Neues. Guardinis zentrale These lautet, dass die Neuzeit durch eine charakteristische Dualität gekennzeichnet war: Der einzelne Mensch wurde autonom (vis-à-vis Kirche und Staat), doch diese Autonomie war nicht gerichtet auf Gott, sondern schlechthin entgrenzt. Die Ordnung war säkularisiert, aber noch erkennbar – noch gab es einen strukturellen Zusammenhang zwischen den Sphären (Religion, Politik, Kultur). Mit dem Übergang in die gegenwärtige Epoche zerfällt auch diese Struktur. Was bleibt, ist nicht eine neue Ordnung, sondern eine Zersplitterung, ein Pluralismus ohne gemeinsamen Grund.³ Dies ist nicht als bloße Säkularisierungskritik zu verstehen. Guardini kritisiert nicht, dass Gott aus der Kultur verschwindet (dies war das Schicksal der Neuzeit selbst), sondern dass die Moderne den Verlust des gemeinsamen Maßstabes nicht einmal mehr bewusst erlebt. Der Mensch der Gegenwart weiß nicht, dass er ohne Mitte ist, weil die Sehnsucht nach Mitte selbst abhanden gekommen ist.⁴
2.2 Guardinis Rezeption: Kontinuität und Differenz
Die Rezeption Guardinis im deutschsprachigen theologischen Diskurs ist differenziert verlaufen. Arno Schilson hat in seinen Arbeiten gezeigt, wie Guardini sowohl als Diagnostiker der Moderne als auch als spiritueller Lehrer wahrgenommen wurde.⁵ Besonders in der Pastoraltheologie und in der Religionspädagogik hat Guardini großen Einfluss ausgeübt.⁶ Gleichwohl wurde Guardinis Ansatz manchmal als zu formal kritisiert. Christopher Pramuk etwa hat argumentiert, dass Guardini die emotionale und charismatische Dimension der Glaubensvermittlung unterbelichtet hat.⁷ Andere Kritiker warfen Guardini vor, seine Kulturdiagnose sei zu abstrakt und vernachlässige die konkreten sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen.⁸ Diese Kritiken sind berechtigt und führen direkt zu Balthasars Radikalisierung: Während Guardini die Zersplitterung diagnostiziert, fragt Balthasar nach deren theologischem Grund.
3. Balthasars Radikalisierung: Ästhetik als theologische Kategorie
3.1 Herrlichkeit und die Wiederherstellung der ästhetischen Dimension
Hans Urs von Balthasar antwortet auf die Kulturkrise nicht mit soziologischer Analyse, sondern mit einer fundamentalen theologischen Umgestaltung. Sein monumentales Werk Herrlichkeit (1961–1969) setzt nicht bei den Symptomen an, sondern bei der Möglichkeit der Gotteserkenntnis selbst.⁹ Balthasars Kernthese ist radikal: Die Moderne hat nicht nur die Mitte verloren (Guardini), sondern die Fähigkeit zur ästhetischen Perzeption selbst verdunkelt. Das Schöne ist nicht länger als Manifestation des Seins erkannt; der Mensch kann nicht mehr „sehen". Damit verliert auch der Glaube seinen inneren Grund. Der Glaube braucht nicht erst intellektuelle Argumente: Er braucht die Fähigkeit zu sehen, dass das Göttliche sich offenbart.¹⁰ Dies ist eine Kritik, die tiefer geht als Guardini. Guardini konstituiert die Diagnose auf der Ebene der Kulturformen (Zersplitterung der Ordnung). Balthasar geht zur epistemischen Struktur selbst: Wie sieht der Mensch der Moderne? Und die Antwort ist: Er sieht nicht mehr. Oder genauer: Er hat die Sehnsucht aufgegeben zu sehen. Seine Augen sind auf das Nützliche, Messbare, Optimierbare gerichtet – auf alles, was sich quantifizieren lässt.¹¹
3.2 Theodramatik und die dramatische Struktur der Gnade
In der Theodramatik (1973 ff.) vertieft Balthasar seine Analyse. Hier wird die Gnade nicht als Substanz oder Doktrin dargestellt, sondern als Geschehen – als Drama, in dem Gott und Mensch aufeinander bezogen sind.¹² Die Moderne hat nicht nur die Fähigkeit zu sehen verloren, sondern auch die Fähigkeit, Teil eines Geschehens zu sein, das sie übersteigt. Dies hat tiefe Implikationen für die Frage der Humanität. Wenn der Mensch sich selbst als Subjekt einer Aktion begreift (cartesisches Paradigma), dann verliert er die Fähigkeit, sich als Respondent zu verstehen – als einer, der antwortet. Balthasar sieht hier den Kern der modernen Anthropologie-Krise: Der Mensch kann nicht mehr antworten, weil er nicht mehr berufen wird; er kann nicht berufen werden, weil er Gott nicht mehr sieht.¹³
3.3 Die Verdunkelung und ihre Überwindung
Balthasars Kleine Fibel für Säkulare (1982) fasst die Situation zusammen: Die Kirche steht in einer post-christlichen Kultur nicht mehr am Zentrum, sondern am Rande. Doch Balthasar wertet dies nicht primär als Verlust, sondern als Gelegenheit. Die Kirche kann nur authentisch sein, wenn sie sich nicht selbst rettet, sondern Gott traut.¹⁴ Medard Kehl hat in seinen Arbeiten zur balthasarischen Pneumatologie gezeigt, wie zentral die Rolle des Heiligen Geistes für Balthasars Überwindung der Verdunkelung ist.¹⁵ Der Geist Gottes arbeitet nicht gegen die Vernunft, sondern öffnet dem Menschen die Fähigkeit zu sehen. Die Verdunkelung ist keine rationale Unfähigkeit, sondern ein Verhängnis des Willens – die Weigerung, sich blenden zu lassen.
4. Magnifica humanitas im Kontext der Traditionslinien
4.1 Die Enzyklika als Antwort auf technologische Herausforderung
Die Enzyklika Magnifica humanitas (Leo XIV., 25. Mai 2026) adressiert sich einer neuen Situation: nicht mehr bloß der Moderne als säkularisierter Kultur, und nicht mehr bloß der Verdunkelung des Glaubens, sondern der Gefahr, dass das Menschliche selbst aus dem Bereich der Realität verschwindet.¹⁶ Künstliche Intelligenz ist nicht primär ein technisches Phänomen, sondern ein anthropologisches: Sie fordert heraus, was es bedeutet, menschlich zu sein. Die Enzyklika situiert sich bewusst in der Linie der kirchlichen Soziallehre. Das Datum der Unterzeichnung – 15. Mai 2026 – ist das 135-Jahres-Jubiläum von Rerum novarum (Leo XIII., 15. Mai 1891).¹⁷ Dies ist kein Zufall. Rerum novarum antwortete auf die Krise der Industrialisierung, indem es die Menschenwürde des Arbeiters affirmierte. Centesimus annus (Johannes Paul II., 1991) antwortete auf die neue Weltordnung nach 1989. Laudato si' (Franziskus, 2015) affirmierte die Integrität der Schöpfung. Magnifica humanitas nun affirmiert die Herrlichkeit des Menschlichen in einer Epoche, in der diese Herrlichkeit durch technologische Nachahmung oder Ersetzung bedroht ist. Die Enzyklika benennt diese Bedrohung als „anti-humane Vision" – die Reduktion des Menschen auf sein kognitives Funktionieren, auf Datenverarbeitung, auf Optimierbarkeit.¹⁸
4.2 Synthese: Die drei Momente
Die Enzyklika lässt sich als Synthese von Guardinis Diagnose, Balthasars theologischer Tiefenkritik und einer neuen pastoralen Affirmation verstehen:
(1): Mit Guardini erkennt Leo XIV. an, dass die Moderne ihre Mitte verloren hat und dass technische Lösungen diese nicht wiederherstellen können. Die KI ist kein Heilmittel für die Zersplitterung, sondern eine weitere Manifestation ihrer Logik. (Nüchternheit) (2): Mit Balthasar diagnostiziert Leo XIV., dass das Kernproblem nicht technisch, sondern theologisch ist. Der Mensch muss wieder lernen zu sehen – nicht mit den Augen der Effizienz, sondern mit den Augen des Glaubens, der in der Person das Bild Gottes erkennt. (Theologische Radikalität) (3): Leo XIV. geht darüber hinaus, indem er nicht bei Diagnose stehen bleibt, sondern eine positive Vision anbietet. Diese Vision ist nicht naiv – sie kennt die Bedrohung – aber sie handelt im Vertrauen, dass die christliche Humanität auch im Zeitalter der KI lebendig ist und wirkungsvoll bleiben kann. (Affirmative Hoffnung)
4.3 Zur ästhetischen Theologie in der Gegenwart
Die gegenwärtige Situation fordert eine Vertiefung der balthasarischen ästhetischen Theologie. David Bentley Hart hat in The Beauty of the Infinite (2003) versucht, Balthasars Ansatz für den gegenwärtigen englischsprachigen Diskurs fruchtbar zu machen.¹⁹ Ähnliche Bemühungen sind im deutschsprachigen Raum erforderlich. Das entscheidende Problem ist: Wie vermittelt man die Schönheit Gottes in einer Kultur, die blind geworden ist? Die Antwort kann nicht darin liegen, die Technik zu bekämpfen, sondern darin, die ästhetische Fähigkeit wiederherzustellen – durch Liturgie, Katechese, durch Gemeinschaft, durch Begegnung. Die Schönheit wird nicht durch Argument vermittelt, sondern durch Präsenz. Dies ist Balthasars bleibende Weisheit.²⁰
5. Implikationen für die gegenwärtige Theologie
Aus dieser genealogischen Rekonstruktion lassen sich mehrere Konsequenzen ziehen:
(1) Die gegenwärtige Krise der Humanität ist nicht primär ein Programm- oder Regulierungsproblem, sondern ein Problem der Kultur und des Glaubens. Dies heißt nicht, dass Regulierungen irrelevant wären, aber dass sie nicht zureichend sind.
(2) Die christliche Antwort kann nicht in der Negation bestehen (Technik ablehnen), sondern muss in einer Affirmation liegen: Affirm the human person as image of God, as capable of love, as called to communion with God.
(3) Die Theologie ist aufgefordert, ihre ästhetische Dimension wiederzuentdecken. Nicht als Ornament oder Dekoration, sondern als zentral für die Vermittlung des Glaubens selbst.
(4) Das pastorale Handeln der Kirche muss sich bewusst machen, dass es in einem Moment der „Verdunkelung" arbeitet – und dass der erste Schritt daher sein muss, Menschen wieder „sehen" zu lehren.²¹
6. Fazit
Die Enzyklika Magnifica humanitas steht in einer Traditionslinie, die bei Guardini beginnt und über Balthasar zu ihr führt. Diese Linie zeigt, dass die Krise der Gegenwart nicht neu ist – sie ist vielmehr die Reifung einer Krise, die mit der Moderne selbst begann. Was neu ist, ist die technologische Zuspitzung und damit die Notwendigkeit, klarer zu sagen, was auf dem Spiel steht: nicht bloß Kultur, nicht bloß Glaube, sondern die Menschheit selbst. Doch dort, wo die Gefahr wächst, wächst auch die Rettung – sofern die Kirche diese Rettung nicht in sich selbst sucht, sondern in Gott vertraut. Die christliche Humanität, die Magnifica humanitas affirmiert, ist weder ein Programm noch eine Technologie. Sie ist ein Weg, ein Ruf, ein Angebot der Gnade. Sie zu vermitteln ist die pastorale und theologische Aufgabe der Gegenwart.
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Anmerkungen
1 Vgl. die Diskussion in Erik Parens (Hg.), Shaping Our Selves: On Technology, Flourishing, and a Habit of Thinking, Oxford University Press 2015.
2 Guardini selbst hat sich gegen die pessimistische Lesart gewehrt; vgl. seine späteren Briefe und die Vorrede zur deutschen Ausgabe von 1965.
3 Guardini, Das Ende der Neuzeit, S. 45–60 (zur Charakteristik der Zersplitterung).
4 Diese These ist zentral für Guardinis Verständnis der gegenwärtigen Situation; vgl. ebd., S. 75–85.
5 Schilson, Romano Guardini. Zur Deutung seiner Theologie, S. 180–220.
6 Guardini hat sich insbesondere in den 1920er und 1930er Jahren um die Liturgische Bewegung bemüht und großen Einfluss auf die Katechese ausgeübt.
7 Pramuk, „Romano Guardini and the Thymos", S. 415–420.
8 Vgl. die Auseinandersetzungen mit Guardini in der Befreiungstheologie (Juan Luis Segundo u.ä.), die Guardinis Analyse als zu spiritualisiert kritisierten.
9 Balthasar, Herrlichkeit I, Vorwort.
10 Dies ist das Kernmotiv von Balthasars „aesthetica fidei" – der Glaube als ästhetische Erfahrung; vgl. ebd., S. 119–145.
11 Balthasar, Theodramatik I, S. 87–103 (zur Verdunkelung als Charakteristikum der Moderne).
12 Balthasar, Theodramatik I, S. 10–30 (zum dramatischen Paradigma).
13 Ebd., S. 234–260 (zur Anthropologie als „respondenz").
14 Balthasar, Kleine Fibel für Säkulare, S. 45–80.
15 Kehl, Schöpferischer Geist, S. 156–200 (zur Pneumatologie bei Balthasar).
16 Leo XIV., Magnifica humanitas, Nr. 15–28 (zur Darstellung der Herausforderungen der KI).
17 Dies wird explizit in der Präambel der Enzyklika erwähnt.
18 Ebd., Nr. 35–42.
19 Hart, The Beauty of the Infinite, S. 1–50 (zur Rezeption Balthasars im englischsprachigen Kontext).
20 Balthasar, Herrlichkeit I, S. 455–480 (zum Schließenden: Schönheit und Gnade).
21 Dies ist eine zentrale Einsicht für die gegenwärtige Pastoraltheologie; vgl. die Diskussionen um das Konzept der „evangelization of culture" in der postsynodalen Literatur.
Literaturverzeichnis
Primärquellen
Balthasar, Hans Urs von: Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Bd. 1: Schau der Gestalt. 2. Aufl., Einsiedeln: Johannes Verlag 1988.
—: Theodramatik. Bd. 1: Prolegomena. 2. Aufl., Einsiedeln: Johannes Verlag 1988.
—: Kleine Fibel für Säkulare. Reden an eine abgelöste Welt. Freiburg i. Br.: Herder 1982.
Guardini, Romano: Das Ende der Neuzeit. Ein Versuch der Orientierung. 7. Aufl., Würzburg: Werkbund-Verlag 1965.
Papst Leo XIII.: Enzyklika Rerum novarum. 15. Mai 1891.
Papst Leo XIV.: Enzyklika Magnifica humanitas. Über die Würde des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. 25. Mai 2026.
Sekundärliteratur
Hart, David Bentley: The Beauty of the Infinite. The Aesthetics of Christian Truth. Grand Rapids, MI: Eerdmans 2003.
Kehl, Medard: Schöpferischer Geist. Die Theologie des Heiligen Geistes. Freiburg i. Br.: Herder 1992.
Pramuk, Christopher: „Romano Guardini and the Thymos: A Reconsideration of Guardini's Vision". In: Modern Theology 28/3 (2012), S. 401–427.
Schilson, Arno: Romano Guardini. Zur Deutung seiner Theologie. Mainz: Grünewald 1994.
—: Romano Guardini. Ein theologisches Porträt. Mainz: Grünewald 2009.
Thomas von Aquin - 800 Jahre Denken zwischen Glaube und Vernunft
Zum Jubiläum eines Denkers, dessen Werk die theologische wie philosophische Landschaft bis heute prägt
■ Daniel M. Bühlmann (Text)
1. November 2024, (Punktgenau. 7/2024 /Magazin Leben-Glauben-Spiritualität, Nr. 1/24)
| „Die Wahrheit ist aus welchem Ursprung auch immer, vom Heiligen Geist.“
– Thomas von Aquin, De Veritate, q. 1 a. 8 ad 1
Der 800. Geburtstag von Thomas von Aquin (1225–1274), den wir in diesem Jahr begehen, ist mehr als nur ein historisches Gedenken. Geboren 1225 in Roccasecca, nähe Neapel, trat er als junger Mann in den Dominikanerorden ein - gegen den Widerstand seiner adeligen Familie. Er studierte in Paris und Köln unter Albertus Magnus. Er lädt dazu ein, die bleibende Relevanz eines Denkers neu zu würdigen, der nicht nur die Scholastik auf ihren Höhepunkt führte, sondern ein Modell rationaler, weltoffener Theologie entwarf.
Die Einheit von Glauben und Vernunft
Thomas unterscheidet zwei Wege zur Wahrheit: (1) den übernatürlichen durch Offenbarung und (2) den natürlichen durch die Vernunft. Diese beiden Wege widersprechen sich nicht, da Gott sowohl Urheber der Natur als auch der Gnade ist. Von ihm stammt diese, nicht unwichtige Aussage: „Gratia non tollit naturam, sed perficit.“ – „Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vollendet sie.“ ( I, q. 1, a. 8) Seine Überzeugung, dass der Mensch mit seiner natürlichen Vernunft zur Erkenntnis Gottes gelangen kann, insbesondere über den sogenannten quinque viae (fünf Wege zum Gottesbeweis, Summa Theologiae I, q. 2, a. 3), stellt ein Gegenmodell zu fideistischen und irrationalistischen Tendenzen dar.
Anthropologie und Ethik: Naturrecht und Gewissen
Die anthropologische Grundannahme des Thomas ist die teleologische Ordnung des Menschen: Sein höchstes Ziel (finis ultimus) ist die visio beatifica, die ewige Anschauung Gottes. Daraus ergibt sich eine Ethik, die auf der natürlichen Erkenntnis des Guten und einer objektiven moralischen Ordnung basiert.
| „Bonum est faciendum et prosequendum, et malum vitandum.“
(Summa Theologiae I–II, q. 94, a. 2)
– „Das Gute ist zu tun und zu erstreben, das Böse zu meiden.“
Diese Formel bildet den Grundsatz des Naturrechts, das in seiner Rezeption durch spätere Theologen und Juristen zur Grundlage moderner Menschenrechtskonzeptionen wurde (z. B. Francisco de Vitoria, Hugo Grotius). Thomas war kein Traditionalist im Sinne starrer Autoritätstreue. Vielmehr wagte er die Einbindung „heidnischer“ Philosophie – insbesondere des Aristoteles – in ein christliches Denksystem. Auch jüdische (z. B. Maimonides) und islamische Denker (Avicenna, Averroes) beeinflussten seine Positionen.
| „Was immer der Wahrheit gemäß gesagt wird, es kommt vom Heiligen Geist.“
(De Veritate, q. 1, a. 8 ad 1)
In einer Zeit wachsender religiöser Pluralität und Spannungen zwischen Glauben und säkularer Vernunft bietet Thomas ein Modell für die konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen. Zahlreiche Philosophen und Theologen des 20. und 21. Jahrhunderts – etwa Étienne Gilson, Josef Pieper, Karl Rahner, Ferdinand Ulrich, Erich Przywara, Edith Stein oder Jean-Luc Marion – haben sich mit Thomas auseinandergesetzt. Papst Johannes Paul II. würdigte in der Enzyklika Fides et Ratio (1998) Thomas als das Modell des „harmonischen Denkens“:
| „Thomas erkannte die tiefe Harmonie zwischen Glaube und Vernunft.“
(Fides et Ratio, Nr. 43)
Doch Thomas ist nicht nur Inspirationsquelle, sondern zugleich Herausforderung: Er zwingt zur intellektuellen Redlichkeit, zur methodischen Klarheit und zur Offenheit für das Ganze der Wahrheit – auch dort, wo sie unbequem ist. 800 Jahre nach seiner Geburt ist Thomas von Aquin nicht bloß ein scholastischer Klassiker, sondern ein lebendiger Gesprächspartner für Fragen, die Theologie und Philosophie bis heute beschäftigen: Was ist Wahrheit? Was ist das Gute? Wie verhalten sich Freiheit, Vernunft und Offenbarung zueinander? Wie kann Glaube in einer pluralistischen Gesellschaft gelebt werden?
Thomas von Aquin ist und bleibt für uns ein aktueller Gesprächspartner, der inmitten gesellschaftlicher Umbrüche versuchte, das Denken zu ordnen und die Welt zu verstehen, mit einem offenen Geist und gläubigen Herzen. Contemplata aliis tradere – „Das Betrachtete weitergeben“ (ST II–II, q. 188, a. 6) – dieser Wahlspruch dominikanischer Theologie gilt in besonderer Weise für Thomas selbst. Er betrachtete nicht nur, er vermittelte. Gerade das macht ihn auch nach 800 Jahren noch bemerkenswert aktuell.
Literaturhinweise
• Thomas von Aquin: Summa Theologiae. Lateinisch-deutsche Ausgabe, hrsg. von der Leoninischen Kommission, Herder Verlag.
• Étienne Gilson: Die Philosophie des hl. Thomas von Aquin, Verlag Josef Knecht.
• Josef Pieper: Scholastik – Gestalt und Wesen, Kösel-Verlag.
• Johannes Paul II.: Fides et Ratio (1998)
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„Verhandelbare Wahrheit?“
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25. Juni 2025
Kürzlich fiel mir ein Buch mit dem Titel Gott und die Vernunft von Benedikt XVI. in die Hände. Ich hatte es schon lange gesucht, und nun endlich, eher unerwartet, wiedergefunden. Beim Durchblättern stieß ich unweigerlich auf folgende Passage:
„(...) ob es dem Menschen gegeben ist, die eigentliche Wahrheit über Gott und die göttlichen Dinge zu erkennen. (...) Die philosophische Grundlage des Christentums ist durch das „Ende der Metaphysik“ problematisch geworden, seine historischen Grundlagen stehen in Folge der modernen historischen Methoden im Zwielicht. So liegt es auch von daher nahe, die christlichen Inhalte ins Symbolische zurückzunehmen, ihnen keine höhere Wahrheit zuzusprechen als den Mythen der Religionsgeschichte - sie als Weise der religiösen Erfahrung anzusehen, die sich demütig neben andere zu stellen hätte. (...) Was als Wahrheit verpflichtende Kraft und verlässliche Verheißung für den Menschen gewesen war, wird nun zu einer kulturellen Ausdrucksform des allgemeinen religiösen Empfindens, die uns durch die Zufälle unserer europäischen Herkunft nahegelegt ist.“ Sind wir nicht alle Erben des „aufklärerischen Geistes“, der französischen Revolution und der großen totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts. Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen gebracht? Die Abläufe der Zeit und der Geschichte sowie die Bewältigung von Krisen werden mittlerweile überwiegend von Menschen bestimmt. Das Eingebundensein in zeitliche Abläufe oder historische Ereignisse spielt seit geraumer Zeit keine bedeutende Rolle mehr. Seit der Pandemie verstärkt sich dieser Trend unaufhaltsam. Geschichte wird zur Handlung; das Vergangene wird analysiert, um die Zukunft besser zu planen. Doch der Mensch ist mehr als nur ein Teil des Ganzen oder ein Produkt der Evolution. Der Mensch findet sich unweigerlich in die Welt hineingeworfen, ob gewollt oder nicht. Wir stehen stets vor neuen Phänomenen, die uns herausfordern und durch die Vernunft zu Erkenntnissen führen können. Es stellt sich die Frage, ob das Wirkliche durch Zufall und Notwendigkeit entstanden ist oder ob eine grundlegende Überzeugung des christlichen Glaubens – In principio erat Verbum – ebenfalls die schöpferische Kraft der Vernunft widerspiegelt. Wie würde wohl alles aussehen, wenn der Mensch wieder empfänglicher und hörender werden würde?
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