Thomas von Aquin - 800 Jahre Denken zwischen Glaube und Vernunft
Zum Jubiläum eines Denkers, dessen Werk die theologische wie philosophische Landschaft bis heute prägt
■ Daniel M. Bühlmann (Text)
1. November 2024, (Punktgenau. 7/2024 /Magazin Leben-Glauben-Spiritualität, Nr. 1/24)
| „Die Wahrheit ist aus welchem Ursprung auch immer, vom Heiligen Geist.“
– Thomas von Aquin, De Veritate, q. 1 a. 8 ad 1
Der 800. Geburtstag von Thomas von Aquin (1225–1274), den wir in diesem Jahr begehen, ist mehr als nur ein historisches Gedenken. Geboren 1225 in Roccasecca, nähe Neapel, trat er als junger Mann in den Dominikanerorden ein - gegen den Widerstand seiner adeligen Familie. Er studierte in Paris und Köln unter Albertus Magnus. Er lädt dazu ein, die bleibende Relevanz eines Denkers neu zu würdigen, der nicht nur die Scholastik auf ihren Höhepunkt führte, sondern ein Modell rationaler, weltoffener Theologie entwarf.
Die Einheit von Glauben und Vernunft
Thomas unterscheidet zwei Wege zur Wahrheit: (1) den übernatürlichen durch Offenbarung und (2) den natürlichen durch die Vernunft. Diese beiden Wege widersprechen sich nicht, da Gott sowohl Urheber der Natur als auch der Gnade ist. Von ihm stammt diese, nicht unwichtige Aussage: „Gratia non tollit naturam, sed perficit.“ – „Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vollendet sie.“ ( I, q. 1, a. 8) Seine Überzeugung, dass der Mensch mit seiner natürlichen Vernunft zur Erkenntnis Gottes gelangen kann, insbesondere über den sogenannten quinque viae (fünf Wege zum Gottesbeweis, Summa Theologiae I, q. 2, a. 3), stellt ein Gegenmodell zu fideistischen und irrationalistischen Tendenzen dar.
Anthropologie und Ethik: Naturrecht und Gewissen
Die anthropologische Grundannahme des Thomas ist die teleologische Ordnung des Menschen: Sein höchstes Ziel (finis ultimus) ist die visio beatifica, die ewige Anschauung Gottes. Daraus ergibt sich eine Ethik, die auf der natürlichen Erkenntnis des Guten und einer objektiven moralischen Ordnung basiert.
| „Bonum est faciendum et prosequendum, et malum vitandum.“
(Summa Theologiae I–II, q. 94, a. 2)
– „Das Gute ist zu tun und zu erstreben, das Böse zu meiden.“
Diese Formel bildet den Grundsatz des Naturrechts, das in seiner Rezeption durch spätere Theologen und Juristen zur Grundlage moderner Menschenrechtskonzeptionen wurde (z. B. Francisco de Vitoria, Hugo Grotius). Thomas war kein Traditionalist im Sinne starrer Autoritätstreue. Vielmehr wagte er die Einbindung „heidnischer“ Philosophie – insbesondere des Aristoteles – in ein christliches Denksystem. Auch jüdische (z. B. Maimonides) und islamische Denker (Avicenna, Averroes) beeinflussten seine Positionen.
| „Was immer der Wahrheit gemäß gesagt wird, es kommt vom Heiligen Geist.“
(De Veritate, q. 1, a. 8 ad 1)
In einer Zeit wachsender religiöser Pluralität und Spannungen zwischen Glauben und säkularer Vernunft bietet Thomas ein Modell für die konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen. Zahlreiche Philosophen und Theologen des 20. und 21. Jahrhunderts – etwa Étienne Gilson, Josef Pieper, Karl Rahner, Ferdinand Ulrich, Erich Przywara, Edith Stein oder Jean-Luc Marion – haben sich mit Thomas auseinandergesetzt. Papst Johannes Paul II. würdigte in der Enzyklika Fides et Ratio (1998) Thomas als das Modell des „harmonischen Denkens“:
| „Thomas erkannte die tiefe Harmonie zwischen Glaube und Vernunft.“
(Fides et Ratio, Nr. 43)
Doch Thomas ist nicht nur Inspirationsquelle, sondern zugleich Herausforderung: Er zwingt zur intellektuellen Redlichkeit, zur methodischen Klarheit und zur Offenheit für das Ganze der Wahrheit – auch dort, wo sie unbequem ist. 800 Jahre nach seiner Geburt ist Thomas von Aquin nicht bloß ein scholastischer Klassiker, sondern ein lebendiger Gesprächspartner für Fragen, die Theologie und Philosophie bis heute beschäftigen: Was ist Wahrheit? Was ist das Gute? Wie verhalten sich Freiheit, Vernunft und Offenbarung zueinander? Wie kann Glaube in einer pluralistischen Gesellschaft gelebt werden?
Thomas von Aquin ist und bleibt für uns ein aktueller Gesprächspartner, der inmitten gesellschaftlicher Umbrüche versuchte, das Denken zu ordnen und die Welt zu verstehen, mit einem offenen Geist und gläubigen Herzen. Contemplata aliis tradere – „Das Betrachtete weitergeben“ (ST II–II, q. 188, a. 6) – dieser Wahlspruch dominikanischer Theologie gilt in besonderer Weise für Thomas selbst. Er betrachtete nicht nur, er vermittelte. Gerade das macht ihn auch nach 800 Jahren noch bemerkenswert aktuell.
Literaturhinweise
• Thomas von Aquin: Summa Theologiae. Lateinisch-deutsche Ausgabe, hrsg. von der Leoninischen Kommission, Herder Verlag.
• Étienne Gilson: Die Philosophie des hl. Thomas von Aquin, Verlag Josef Knecht.
• Josef Pieper: Scholastik – Gestalt und Wesen, Kösel-Verlag.
• Johannes Paul II.: Fides et Ratio (1998)
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